Soziophobie


Die Angst vor anderen Menschen


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Menschenaufläufe - für Menschen mit sozialer Phobie ein Graus

Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden, leben in der permanenten Angst, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren. Diese häufigste Angststörung ist aber gut behandelbar.

Eine Studentin verschanzt sich an der Uni hinter Büchern, damit sie niemand anspricht - sie glaubt, die anderen würden sie für dumm halten. Ein Manager bereitet jeden Vortrag bis ins letzte Details vor, damit er keinesfalls aus dem Konzept kommt - sonst würde er zu stottern anfangen und versagen, denkt er. Menschen wie diese beiden leiden unter einer so genannten sozialen Phobie: Sie haben Angst davor, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren oder peinliche Symptome zu zeigen wie Schwitzen, Zittern oder Erröten.

Soziale Phobie ist die häufigste Angststörung
"Soziale Phobie gilt heute die häufigste Angststörung und ist nach Alkoholabhängigkeit und Depression die dritthäufigste psychische Störung überhaupt", erklärt der Frankfurter Diplom-Psychologe Ulrich Stangier, Mitherausgeber eines Standardwerks zu diesem Thema. Jeder Zehnte könnte Schätzungen zufolge einmal im Leben daran erkranken.
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Soziale Phobien sind vermutlich so alt wie die Menschheit, aber erst seit rund 20 Jahren versucht die Wissenschaft, ihnen auf den Grund zu gehen. In den 80er Jahren wurde die Störung von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt. Laut Definition ist die in gewissen Grenzen natürliche Scheu vor fremden Menschen dann krankhaft, wenn die Angst "übertrieben" und "dauerhaft" ist und das Leben der Patienten stark beeinträchtigt.

Die Betroffenen geraten schnell in einen Teufelskreis
Soziale Phobie kann viele Gesichter haben. Sie kann beim "small talk" auf einer Party auftreten, im Job oder beim Halten von Referaten, aber auch beim gemeinsamen Essen oder beim Besuch öffentlicher Toiletten. In ihren jeweiligen Angstsituationen fürchten die Betroffenen, etwas zu tun oder zu sagen, was andere als peinlich empfinden könnten. Aus dieser Angst heraus versuchen sie, solche Situationen um jeden Preis zu vermeiden - und lösen so einen Teufelskreis aus.

Jemand, der glaubt, beim Trinken so zu zittern, dass die anderen ihn für einen Alkoholiker halten könnten, wird in Gesellschaft vielleicht versuchen, das Glas mit beiden Händen zum Mund führen und so erst recht auffallen. Dieses "Sicherheitsverhalten" verhindere, dass der Betroffene seine Angst zu zittern und damit aufzufallen kritisch überprüfe, erklärt Stangier. Denn der Phobiker wird sich entweder nie trauen, in der Öffentlichkeit das Glas mit einer Hand zu nehmen - oder er wird er es so fest umklammern und darauf starren, dass die Hand wirklich zittert.

Videos sind ein großes Hilfsmittel bei der Therapie
Hier setzt die "kognitive Verhaltenstherapie" an: "Es geht darum, das Sicherheitsverhalten abzubauen und die verzerrte Selbstwahrnehmung zu objektivieren", erklärt der Frankfurt Therapeut Thomas Heidenreich das Verfahren. "In Rollenspielen werden dabei typische Angst auslösende Situationen simuliert." Dabei kann der Patient - sozusagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit - "mit den eingespielten Vermeidungsmustern experimentieren".

Ein Hilfsmittel dabei sind Videos: Der Patient wird in der simulierten kritischen Situationen gefilmt und kann danach seine verzerrte Selbsteinschätzung damit vergleichen, wie er im Video wirklich aussieht. Wer Angst hat, rot zu werden, sieht auf dem Band, dass er ganz normal wirkt - und nicht etwa "ein feuerrotes Mondgesicht" hat, wie ein Patient es fürchtete.

Traumatische Erlebnisse kommen hinzu
Die Frage, wie sich eine solche Störung entwickelt, ist noch nicht endgültig beantwortet. Eine Rolle spiele natürlich die Veranlagung zur Schüchternheit, sagt Sangier. Hinzu kämen oft traumatische Erlebnisse wie Ausgelachtwerden in der Schule, aber auch übertriebene Erwartungen oder starke Kritik der Eltern können eine Veranlagung verstärken.

Was die Betroffenen oft für nicht veränderbare Charaktermerkmale hielten, sei durchaus heilbar, behaupten Stangier und Heidenreich. Die Therapie der kontaktscheuen Studentin dauerte zwei Jahre, der Manager war nach wenigen Monaten wieder fit. Dennoch finden derzeit nur wenige Sozialphobiker den Weg zum Therapeuten. Die meisten kommen wegen Folgeerkrankungen wie Depressionen oder Süchten. "Die dahinter liegende Ursache ist aber oft eine soziale Phobie."

Sandra Trauner, DPA